Ewok Poltergeist Kompendium – Konstanzen und Sonische Sättigung
Hennes, Cologne 2011
Das Ewok Poltergeist Kompendium ist eine Sammlung sonischer Explorationen zu den
kognitiven Phänomenen der Wahrnehmungskonstanzen und Wahrnehmungssättigungen.
Diese sind mit dem Verfahren der modularen Klangsynthese musikalisiert und zu einem
Kompendium zusammengestellt. Die im ursprünglichen Sinne auf universelle Wahrnehmungs-
Situationen ausgelegten Erkenntnisse sind hier auf das dissoziative Hören angewendet,
also replizierter, im vorliegenden Fall auf die Perzeption replizierter synthetischer Klänge.
Konstanzleistungen sind aktive Mechanismen des Wahrnehmungssystems, bei denen
inkonstante Sinnesdaten aufgrund von Konditionierung im Verhältnis zueinander erfasst
werden, obwohl die sensorischen Reize variieren. Solche präkognitiven Prozesse geschehen,
ebenso wie die Gestalt- und Mustererkennung, vorbewußt. Sie sind mitverantwortlich für die
Konstruktion eines subjektiven Bezugssystems zur objektiven Wirklichkeit.
Alle Erkenntnisse - auch die der auditiven Modalität entspringenden - werden im Bewusstsein
des Rezipierenden strukturiert und eingeordnet ("selektiv-subjektive Bestandsaufnahme") und
sind daher relativ statisch, also relativ konstant. Konstanzleistungen sind also als unbewusste
Prozesse individueller Informationsverarbeitung für unser Wahrnehmen essentiell und notwendig.
Auditive Konstanzleistungen lassen sich beschreiben als die Annahme unseres Gehirns,
dass die physikalischen Eigenschaften eines klingenden Objekts (Klang) gemeinhin keinen
Veränderungen unterliegen. Und zwar auch dann, wenn sich dessen Abbild zum Hörer
verändert. Diese Konstanzleistungen im Einzelnen zu definieren und zu musikalisieren war
die Motivation dieser Arbeit. Alle Stücke des Kompendiums, ergo alle behandelten Konstanztypen
sind in mindestens einem auditorischen Elementarereignis konstant, d.h. sie stagnieren und
sind somit, über die Zeit perzipiert, sonisch gesättigt. Sonisch wird hier verstanden als
Gesamt-Sensation des auditiv Perzipierbaren, als Grenzbereich zwischen dem Akustischen
und dem Symbolischen eines Klangs, zwischen dem physikalischen und dem kulturellen
Wahrnehmen, das alles Hören filtert, einordnet und letztlich determiniert.
Der von mir in diesem Zusammenhang neu definierte Begriff der "Sonischen Sättigung"
soll den subjektiv erlebten Wandel oder Verlust sonischer Konstanten bezeichnen, der vor
allem bei repetitiven Erscheinungsbildern auftritt. Bekannt und benannt ist die
"Semantische Sättigung" in der Sprachwissenschaft. Sie beschreibt ein Phänomen, bei dem
durch dauernde Wiederholung derselben Bedeutungen, Symbole und Formulierungen ihr
Wert, ihr Sinn und ihre Relevanz im Bewusstsein verblassen – bis hin zum Grad der völligen Sinnentleerung. "Sonische Sättigung" überträgt ebensolche bedeutungsrelevanten
Prozesse auf das Auftreten bestimmter auditiver Konstanzen.
Folgende auditiven Konstanztypen wurden formuliert:
- Dichtekonstanz
- Gestaltkonstanz
- Timbrekonstanz
- Semantische Konstanz
- Tonhöhenkonstanz
- Abstrahlrichtungskonstanz
- Positionskonstanz
- Lautheitskonstanz
- Harmonikale Konstanz.
Sämtliche im Kompendium zu hörenden Konstanzen sind mit diesen wechselnden Schwerpunkten gleichermassen sonisch gesättigt. Die "Strukturierten Modifikationsreihen 1+2" nehmen eine Sonderstellung ein. Sie sind komponierte Essenzen aus dem Sammelsurium aller Konstanz- und Sättigungsphänomene.
"It is the fact of perceptual constancy which makes effective behaviour possible, from the simplest action to the most complex (…). Without some degree of constancy mere survival would be impossible."
(Ittelson, Willian H., 1951: The Constancies in Perceptual Theory. In: Psychological Review 58, 285)
Benutztes Instrumentarium / Setup:
Clavia Micro Modular und Arduino-basierter Zufallsgenerator für Continuous Controller Massages.
No additional FX.
Theoretische Grundlagen / Literatur:
– Schmicking, Daniel, Hören und Klang – Empirisch phänomenologische Untersuchungen, 2003
– Waldenfels, Bernhard, Phänomenologie der Aufmerksamkeit, 2004
– Roth, Gerhard, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, 1997
– Serres, Michael, Die fünf Sinne, 1985
– Merleau-Ponty, Maurice, Phänomenologie der Wahrnehmung, 1966
Informationen zum technischen Setup bei Aufführungen:
2-4 kanalige P.A., Mischpult (4 line inputs auf 2-4 outputs), Tisch (min. 1x1m)
tymp87 MRT
ewok poltergeist 1
larynx

